Seitenueberschrift

Schlusslicht

Schlusslicht vom 20.2.2013

Mit dem Krankenwagen durch Moskau

Schweinchen protestieren gegen "Notarzt-Taxi"

Der Berufsverkehr in Moskau ist ein Albtraum für jeden Autofahrer. Neuerdings ordern wohlhabende Menschen deshalb einen Krankenwagen als Taxi, um pünktlich von A nach B zu gelangen. Doch nicht jeder ist mit der neuen Reisemethode einverstanden. Die Protestbewegung "Schweinchen dagegen" hat den Pseudo-Krankenfahrten den Kampf angesagt.

Von Ludger Kazmierczak, ARD-Hörfunkstudio Moskau

Der Kutusowskij-Prosepkt im morgendlichen Berufsverkehr. Kurz vor der Neuen Arbatbrücke über die Moskwa geht nichts mehr. Der neunspurige Innenstadt-Highway ist dicht. Nur eine Fahrspur in der Mitte ist weitestgehend frei.

Sie darf nur von Fahrzeugen mit Blaulicht befahren werden – also von Staatskarossen, Geheimdienstlimousinen, Polizeiautos und Krankenwagen. Was nicht heißt, dass darin immer auch ein Kranker liegt. Unter der Moskauer Festnetznummer 495 - 92 60 60 3 kann nämlich jeder, der es eilig hat, einen Notarztwagen ordern - als Taxi mit eingebauter Vorfahrt. Hier ein Dialog zwischen einem Kunden und einem Fahrer:

"Sagen Sie, kann ich für morgen einen Wagen bestellen?"

"Wo möchten Sie hin?"

"Ich möchte erst zur Kurskaja, dann zur Arbatskaja. Da habe ich einen wichtigen Termin, es muss also schnell weiter gehen."

"Okay, geben Sie mir bitte Ihre Adresse und Ihre Telefonnummer!"

So einfach ist das. Mit Vollgas geht es dann am nächsten Morgen durch die Stadt – vorbei an kilometerlangen Staus und genervten Autofahrern. Schneller als mit dem Blaulicht-Taxi kommt kein Moskauer von A nach B, wobei der Service natürlich seinen Preis hat: "Was schulde ich Ihnen?", fragt der Kunde. "6000 Rubel", sagt der Fahrer. "Bitte sehr!"

Das sind umgerechnet 150 Euro. Der neureiche Russe zögert da nicht lange.

Mit dem Krankenwagen als Taxi durch Moskau
L. Kazmierczak, ARD Warschau
19.02.2013 17:35 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Protestbewegung gegen gefakte Krankenfahrten

Vier Aktivistinnen der Protestbewegung "Schweinchen dagegen" haben kürzlich so einen falschen Rettungswagen im Einsatz gestoppt. Als rosa Ferkel verkleidet, blockierten die jungen Frauen die Straße und brachten das Fahrzeug zum Stehen. Binnen weniger Sekunden hatten sie die Windschutzscheibe mit Zetteln zugeklebt. "Notarzt-Taxi" war darauf zu lesen. Aufgebracht versuchte Jewgenija, die Initiatorin der Aktion, den verdutzten Fahrer der Ambulanz zur Rede zu stellen: "Guten Tag! Sagen Sie, wie häufig transportieren Sie in diesem Rettungswagen eigentlich Kunden statt Kranke? Wie oft wird dieser Krankenwagen zum Taxi? Warum schweigen Sie? Sie bieten ihre Dienste als Taxichauffeur an, obwohl das ein Notarztwagen ist!"

Jewgenija und ihre Mitstreiterinnen sind empört. Viele Autofahrer in der Großstadt nehmen die echten Rettungswagen wegen der vielen falschen schon gar nicht mehr ernst. Sie weigern sich daher, links oder rechts ran zu fahren und eine Gasse zu bilden, wenn sich von hinten ein Fahrzeug mit Blaulicht nähert.

Die rosa Schweinchen haben den Taxi-Notärzten den Kampf angesagt. Für sie ist das Geschäft mit den gefakten Krankenfahrten eine Riesen-Sauerei.

Dieser Beitrag lief am 20. Februar 2013 um 14:32 Uhr auf SWR Info.

Stand: 20.02.2013 20:34 Uhr

Korrespondent

Ludger Kazmierczak Logo

Ludger Kazmierczak, WDR

Darstellung: