Zur Haupt-Navigation der ARD.
Zum Inhalt.
Angesichts massiver Kritik von Eltern, Schülern und Lehrern haben die Kultusminister der Länder leichte Änderungen am "Turbo-Abi" nach zwölf Schuljahren beschlossen. So sollen den Schulen mehr Freiräume für besondere Projekte eingeräumt werden. Am Unterrichtsvolumen von 265 Wochenstunden soll sich aber nichts ändern. Fünf davon können aber künftig als "Wahlunterricht für besondere pädagogische Ansätze" ausgewiesen werden. Gemeint sind zum Beispiel Übungen, Vertiefungsstunden und Projekte. Die breite gesellschaftliche Debatte um die verkürzte Schulzeit wird dies wohl kaum stoppen.
Von Nicole Diekmann, tagesschau.de
[Bildunterschrift: Das Abitur in acht Jahren: Aus Sicht von vielen Schülern und Eltern ein sehr stressiges Projekt. ]
Das Abitur in acht statt in neun Jahren zu machen, ist mittlerweile an fast allen deutschen Gymnasien schon Normalität. Doch trotz der Verkürzung um lediglich ein Jahr hat sich das neue Modell unter dem Schlagwort "Turbo-Abitur" eingebürgert. Das "Ende der Kindheit" sehen Eltern und andere Reformgegner kommen, von "Kinderarbeit" ist die Rede. Das Thema ist dermaßen umstritten, dass es für Wahlkämpfe taugt: In Hessen straften die Wähler laut Umfragen den zuvor mit absoluter Mehrheit regierenden CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch auch für das G8-Modell ab, das seine Partei bundesweit offensiv vorantreibt.
Die Forderung von Kochs Gegnerin, der hessischen SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti, G8 komplett wieder abzuschaffen, scheint dennoch unrealistisch, sagt der thüringische Kultusminister Jens Goebel (CDU). Mit Blick auf die vergleichsweise kurze Schuldauer in anderen europäischen Staaten fügt er hinzu: "Wir leben in einer Zeit lebenslangen Lernens, und da muss man sich die Zeit für das Lernen auch über das Leben ein bisschen besser einteilen."
Sie benötigen den Flash-Player um dieses Video zu sehen.
Das Abitur in acht Jahren ist inzwischen in fast ganz Deutschland eingeführt. Schleswig-Holstein zieht vom kommenden Schuljahr an mit. Dann wird das SPD-regierte Rheinland-Pfalz das einzige Bundesland sein, das G8 nicht anbietet und auch nicht daran denkt. Tatsache aber ist: Auch die Länder und Schulen müssen ihre Hausaufgaben noch machen. Es gibt viel zu tun. Denn obwohl das Saarland 2001 als erstes westdeutsches Land das Abitur in acht Jahren einführte und dort im kommenden Jahr die ersten "Turbo-Abiturienten" ihren Abschluss machen, holpert es noch. Gestresste Schüler, die über zu wenig Freizeit klagen, Eltern, die ihren Kindern bei den Hausaufgaben helfen müssen, und erhöhter Bedarf an Nachhilfeunterricht weisen auf Mängel im System hin.
[Bildunterschrift: Stundenkürzung, Samstags- oder Ganztagsunterricht? Viele Vorschläge kursieren. ]
Ein Grund für die Probleme mit G8 ist der Föderalismus, der Bildung zur Ländersache macht. Auch die einzelnen Schulen besitzen noch einmal von Land zu Land variierende Entscheidungsfreiheit, welches Modell sie fahren, um den Stoff von neun in acht Schuljahre zu packen. Samstagsunterricht, mehr Stunden am Vormittag, Nachmittagsunterricht - Vorschläge gibt es viele. Dass oft Geld fehlt, zum Beispiel für die Einrichtung von Kantinen, ist dabei nur ein Problem unter vielen, wenn auch ein bedeutendes. Zumal sich an dieser Schnittstelle Bund und Länder berühren, die in punkto Bildung ein empfindliches Verhältnis miteinander pflegen.
Sie benötigen den Flash-Player um dieses Video zu sehen.
Ein weiterer Aufreger ist die Regelung, den Stoff von neun Jahren in acht abzuhandeln, indem das Arbeitspensum der Sekundarstufe I, also der Unter- und der Mittelstufe, erhöht wird. Die Folge: nicht die älteren Schüler sind stärker belastet, sondern die jüngeren. Es bleibt, so Eltern und Lehrerverbände, weniger Zeit fürs Spielen, Musizieren, Nichtstun.
Anders handhaben dies die ostdeutschen Länder. Sie fordern die älteren Schüler, denn sie erhöhten bei der Angleichung an die westdeutschen Lehrpläne das Arbeitspensum der Sekundarstufe II, also der Oberstufe. Allerdings genießen die so genannten neuen Länder auch einen Erfahrungsvorsprung: Das Abitur in acht Jahren war Alltag in Ostdeutschland.
Der geographische Unterschied markiert gleichzeitig einen ideologischen, und damit erklärt sich auch zum Teil die Vehemenz, mit der die Debatte mitunter geführt wird: Diese ist Teil einer breiten gesellschaftlichen Diskussion, der Vereinbarkeit von Kind und Karriere. Mutterschaft parallel zur Arbeit in Vollzeit, unterstützt durch Kinderhorte und Ganztagsschulen, waren östlich der Mauer Normalität. "Das hat viel damit zu tun, dass man es hier nie anders gekannt hat", sagt auch der Sprecher des sächsischen Kultuministeriums, Dirk Reelfs.
Auf der West-Seite wird noch heute über die mögliche Vernachlässigung der Kinder, etwa durch das besonders von der SPD favorisierte Ganztagsschulmodell, diskutiert. Nicht zuletzt die Reformen von Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) haben daran ihren Anteil.
Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW