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Sie verlangen weder Chipkarte noch zehn Euro: Die Ärzte der "Malteser Migranten Medizin" behandeln Menschen, die krank werden, sich eine Versicherung aber nicht leisten können - oder nicht leisten dürfen. Knapp eine halbe Million Ausländer leben illegal in Deutschland. Der Gang zum Arzt wird für sie oft zur Mutprobe.
Von Jörn Unsöld für tagesschau.de
[Bildunterschrift: Adelheid Franz (links) behandelt Menschen, die nicht krankenversichert sind. ]
Erleichtert zeigt Pierre Makou* auf seinen linken Oberarm: "Ich habe mich gerade gegen Schweinegrippe impfen lassen, weil ich Vater werde", sagt der 31-Jährige aus Kamerun. Neben ihm sitzt in dem karg eingerichteten Wartezimmer der "Malteser Migranten Medizin" in Berlin-Wilmersdorf seine Frau Catherine*, ihre Wollmütze tief ins Gesicht gezogen.
Vor wenigen Minuten noch saß sie auf dem Behandlungsstuhl der Frauenärztin. Eine Routine-Untersuchung, die während einer Schwangerschaft für Deutsche selbstverständlich ist - für das Paar jedoch unbezahlbar.
Deshalb wandten sich die werdenden Eltern an die Ärzte der Malteser. Diese Mediziner behandeln ehrenamtlich kranke Menschen, die keine Versicherung abgeschlossen haben. Zu den Patienten zählen Migranten, die keine Aufenthaltserlaubnis besitzen und fürchten, dass die Behörden auf sie aufmerksam werden. Bei den Maltesern fühlen sie sich sicher, weil die als humanitäre Einrichtung von der gesetzlichen Meldepflicht befreit sind.
Schätzungen des Hamburgischen Weltwirtschafts-Instituts (HWWI) zufolge leben bis zu 460.000 Menschen in Deutschland ohne Papiere. In Praxen wie der "Berliner Migranten Medizin" stellen sie den Großteil der Patienten. Aber: Auf Hilfe seien auch Bürger aus EU-Staaten angewiesen, in denen es keinen ausreichenden Versicherungsschutz gibt, etwa in Bulgarien oder Rumänien, sagt die leitende Ärztin der Berliner Praxis, Adelheid Franz.
Aus welchem Staat ihre Patienten kommen, ist für sie jedoch zweitrangig: "Wir sind die medizinische Anlaufstelle für alle, die nicht versichert sind, und weisen niemanden ab, sondern hören ihm erst einmal zu", sagt sie.
Im vergangenen Jahr besuchten 4100 Migranten die Berliner Praxis, Tendenz steigend: In diesem Jahr rechnet Franz mit 5500 Patienten. Der Anstieg hängt ihrer Ansicht damit zusammen, dass die Praxis im Laufe der Jahre ihr Angebot ausweiten musste. Immer mehr Menschen nahmen im Wartezimmer Platz.
Inzwischen arbeiten neun Ärzte aus den Fachgebieten Allgemeinmedizin, Gynäkologie, Psychiatrie, Neurologie, Kinderheilkunde und Zahnmedizin unter dem Dach der Malteser, an drei Tagen in der Woche haben sie Sprechstunde. Am häufigsten kommen die Menschen wegen Unfallverletzungen, Infektionen, Zahnproblemen oder Tumoren.
Franz legt Wert darauf, dass sie und ihre Kollegen nur die wirklich Bedürftigen behandeln - und sich nicht ausnutzen lassen; schließlich finanziert sich das gesamte Projekt aus Spendengeldern. "Im Gespräch mit den Patienten merke ich schnell, ob jemand in der Lage ist, für ein bestimmtes Medikament 20 Euro aufzubringen - oder nicht."
Je bedürftiger die Patienten seien, desto bereitwilliger würden sie auch über ihre tatsächliche finanzielle Lage Auskunft geben. Besonders arme Frauen und Männer unterstützt der Malteser Hilfsdienst bei Operationen oder teuren Behandlungen.
[Bildunterschrift: Bei teuren Operationen helfen die Malteser finanziell aus. ]
Doch selbst wenn die Kostenübernahme geregelt ist, kommt es bei Einweisungen ins Krankenhaus ab und an zu Schwierigkeiten. Andrea Loebell-Buch, Kinderärztin in der Migranten-Praxis, erinnert sich, dass vor kurzem ein Berliner Krankenhaus die Aufnahme eines Mädchens mit Arthritis abgelehnt habe - warum, kann sie sich nicht erklären. Letztlich habe sich ein niedergelassener Facharzt um das angeschwollene Knie des Kindes kümmern müssen, erzählt die 67-Jährige im Gespräch mit tagesschau.de.
Seit einem halben Jahr versorgt Loebell-Buch bei den Maltesern Jungen und Mädchen. "Ein Großteil unserer Patienten sind Schwangere, deren Kinder auch nach der Geburt bei uns versorgt werden können", sagt sie. Aufgefallen ist ihr, dass es nur selten zu Sprachproblemen kommt: "Die meisten Leute bringen jemanden mit, der übersetzen kann." Notfalls haben die Malteser auch eine Liste von Dolmetschern, die ihnen am Telefon aushelfen.
Wegen dieser umfassenden Art der Integration von Migranten zeichnete Bundespräsident Horst Köhler die Malteser Anfang des Jahres im Rahmen der Kampagne "Land der Ideen" aus. Seither ist die Praxis einer der "365 Ausgewählten Orte 2009".
Der respektvolle und freundliche Umgang - das unterscheidet aus Sicht von Pierre Makou die Migranten-Mediziner von anderen. Und während die Ärztin die nächste Patientin aufruft, verabschiedet sie sich von ihm und seiner Frau, auf Französisch: "Au revoir - auf Wiedersehen!"
*Name von der Redaktion geändert
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