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31.07.2010

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Wikipedia.de: Alle bilden alle
Online-Enzyklopedie

Wikipedia.de: Alle bilden alle

Jeder kann mitarbeiten, keiner gibt die Linie vor, alle kontrollieren sich gegenseitig: Die Enzyklopädie "Wikipedia" ist ein Wissensarchiv im Internet, für das nicht nur Wissenschaftler und Experten Artikel schreiben. Trotzdem - oder gerade deshalb? - gibt es mittlerweile 500.000 Einträge zu den verschiedensten Themen. Und täglich werden es mehr.

Von Jan Oltmanns, tagesschau.de

Das Internet: Ein fast unbegrenztes Wissensarchiv. Aber trotz Google & Co fühlt sich so mancher oft in den wirren Weiten des World Wide Web allein gelassen. Zwar gibt es professionelle Dienste – aber die kosten meist Geld. Oder sie bombardieren den Suchenden derart mit Werbung, dass er nach dem zehnten Pop-Up-Fenster entnervt aufgibt.

Der Frust bei der Online-Recherche könnte bald ein Ende haben: "Wikipedia" nennt sich ein internationales Projekt, dessen Ziel es ist, eine Enzyklopädie im Netz zu erstellen. Umsonst und frei zugänglich für jedermann. Ein ehrgeiziges Unterfangen, denn eine Enzyklopädie, so weiß es das Lexikon, umfasst das gesamte Wissen seiner Zeit und stellt es systematisch dar.

Alle für einen, einer für alle

Was auf den ersten Blick als ein Ding der Unmöglichkeit scheint, funktioniert tatsächlich, denn Wikipedia ist etwas Besonderes: Was eine Redaktion nie und nimmer unentgeltlich leisten könnte, schafft die Webseite mit einem riesigen Stab Freiwilliger: Tausende schreiben in mehr als 50 Sprachen Artikel – je nach Gusto, denn einen festen Plan gibt es nicht. Dennoch liegen in englischer Sprache über 200.000 Artikel vor, auf deutsch immerhin schon stolze 53.000. Und es werden täglich mehr.

Copyleft statt Copyright

Wikipedia ist aber noch weit mehr als eine gewöhnliche, wenn auch umfangreiche, Artikelsammlung. Jeder kann Texte schreiben oder verändern. Lediglich neutral sollten sie sein und das Urheberrecht nicht verletzen. Dass die Texte nach Belieben kopiert werden können, versteht sich von selbst. Es gilt "Copyleft": Der Inhalt muss frei zugänglich bleiben – ein Copyright gibt es nicht.

Möglich macht das Ganze die frei verfügbare Wiki-Software. Sie erlaubt es dem Anwender, Seiten direkt zu editieren. Wiki kommt aus dem Hawaiianischen und meint "schnell". Und das ist die Software in der Tat: Schreiben, speichern, fertig – ganz ohne Passwort.

"Als ich das erste Mal zufällig auf den Bearbeitungs-Knopf kam, glaubte ich an einen Scherz oder ein Software-Fehler", sagt Wikipedia.de-Sprecher Kurt Jansson. Es war kein Witz – und seitdem ist Jansson überzeugter Wikipedianer, wie sich die Gemeinschaft selbst nennt.

Basisdemokratie pur

Die Idee erinnert an Zeiten, in denen das World Wide Web noch in den Kinderschuhen steckte. Die Hoffnungen in die neue Technik waren groß: Ein wildwucherndes, die ganze Welt umspannendes Netzwerk sollte entstehen. Unabhängig von politischer Einflussnahme sollte es für jeden zugänglich sein - und stetig wachsen.

Längst wird diese Utopie nüchterner zu betrachten. Das Internet hält der Gesellschaft den Spiegel vor und der Kommerz diktiert in weiten Bereichen des Netzes das Nutzerverhalten. Wikipedia lässt sich da als Teil einer digitalen Gegenbewegung verstehen. Es zeigt das Internet, wie es sein sollte: Als eine freie Plattform mit Nutzern, die nicht nur Konsumenten, sondern zugleich Produzenten von Inhalten sind. Und das mit offensichtlichem Erfolg.

Von mündigen Nutzern

Diese Freiheit aber hat auch ihre Schattenseiten. Wenn jeder Texte nach eigenem Gusto editieren oder schreiben kann, öffnet das nicht dem Missbrauch Tür und Tor? Und wie steht es um die Qualitätskontrolle der Artikel?

"Die Nutzer sind die Kontrollinstanz", erklärt Jansson. Jede Version eines Artikels und alle vorgenommenen Änderungen werden protokolliert und sind natürlich sofort veränderbar. Zudem wird über die Texte kontrovers diskutiert – und das ausgiebig – aber in auffallend nüchternem Tonfall: Änderungen werden begründet, diskutiert, mitunter gar wieder vom Autor zurückgenommen. Nichts erinnert hier an die Verbalakrobatik und die Entgleisungen, die man aus Online-Foren gewohnt ist. Texte, die gegen die Wikipedia-Regeln verstoßen, können zudem ganz gelöscht werden – allerdings ist hierzu ein Konsens notwendig, denn einen Kopf der Organisation gibt es nicht.

Die Qualität der Artikel ist so verschieden, wie ihre Autoren es wohl sind. Manche bieten nur rudimentäre Informationen, andere gehen tief ins Detail. Die kleinen Texte allerdings wachsen mit der Zeit – und die detaillierten halten oft selbst Expertenwissen stand. So hatte ein Hamburger Physikprofessor, der für den "Stern" den Artikel über Relativitätstheorie las, nichts zu beanstanden. Und wer weiß schon, wie viele der Wikipedia-Autoren selbst Experten sind?

"Wir sammeln das Wissen der Menschheit - auch Deines..."

Trotzdem: Wer nachprüfbare Fakten braucht, der muss wohl weiterhin auf Brockhaus & Co zurückgreifen. Dafür ist die virtuelle Enzyklopädie aktueller, als es herkömmliche Nachschlagewerke jemals sein können. Und Wikipedia lässt den Leser im Informationsdschungel Internet nicht allein, denn jeder Text führt zu weiteren Informationen.

"Wir sammeln das Wissen der Menschheit - auch Deines..." lautet das Motto der Wikepediander. Sollte die Seite im bisherigen Tempo weiterwachsen, dann sind sie von diesem Ziel vielleicht gar nicht mehr so weit entfernt. Sicher ist: Wikipedia informiert, inspiriert und fasziniert. Online-Recherche macht wieder Spaß.

Stand: 04.08.2005 09:18 Uhr
 

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