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31.07.2010

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Interview: "Kontrollinstanz sind die Nutzer"
Wikipedia

Interview: "Kontrollinstanz sind die Nutzer"

Jeder kann mitarbeiten, niemand gibt die Linie vor, alle kontrollieren sich gegenseitig: Die Enzyklopädie "Wikipedia" ist ein Wissensarchiv im Internet, für das nicht nur Wissenschaftler und Experten Artikel schreiben. Trotzdem - oder gerade deshalb? - gibt es mittlerweile 500.000 Einträge zu den verschiedensten Themen. tagesschau.de sprach mit Kurt Jansson von wikipedia.de über Idee und Ziele des Projektes.

tagesschau.de: Was ist "Wikipedia"?

Kurt Jansson: Das Projekt wurde vor drei Jahren in den USA von Jimmy Wales und Larry Sanger gegründet. "Wikipedia" ist hervorgegangen aus "Nupedia". Dort hat man zunächst versucht, auf einem herkömmlichen Weg eine Enzyklopädie zu erstellen - also mit Wissenschaftlern, die in einem kontrollierten Vorgang ein Lexikon für das Netz erstellen wollten. Das Projekt kam aber nicht so richtig vom Fleck, weil es sich um einen zu langwierigen Prozess handelte.

Die Lösung war, ein so genanntes "Wiki" aufzusetzen: Seiten, die sich frei im Netz editieren lassen, an denen jeder direkt und unmittelbar mitarbeiten kann. Eigentlich war das nur als ein Spielplatz für das ursprüngliche Projekt gedacht, hat dann aber enormen Zuspruch gefunden. "Wikipedia" wurde so sehr schnell das eigentliche Projekt. Zunächst nur in den USA, inzwischen gibt es Seiten in etwa 50 Sprachen. 500.000 Artikel sind eingetragen. Auf Deutsch sind im Moment rund 53.000 Artikel verfügbar.

tagesschau.de: Wie funktioniert das System genau? Und wie wird "Wikipedia" kontrolliert?

Kurt Jansson: Jeder kann neue Artikel schreiben oder bestehende bearbeiten. Die Kontrolle funktioniert über die Wiki-Nutzer selbst. Alle Änderungen und alle ursprünglichen Versionen können von allen Nutzern nachvollzogen werden. Zudem können Nutzer eigene Beobachtungslisten aufsetzen und kontrollieren, was an den eigenen Artikeln verändert worden ist. Es existieren also einige Möglichkeiten, korrigierend einzugreifen. Die Kontrollinstanz sind die Nutzer selbst.

tagesschau.de: Findet tatsächlich ein Austausch zwischen den Nutzern statt?

Kurt Jansson: Es entstehen viel mehr Diskussionen, als ich das zu Beginn meiner Mitarbeit an dem Projekt erwartet hätte. Selbst Sachverhalte, die man im Allgemeinen für objektive Fakten hält - etwa aus den Naturwissenschaften - werden intensiv und auch kontrovers diskutiert. Zu jedem Artikel gibt es eine Diskussionsseite. Natürlich sind die Debatten bei politischen Themen - etwa dem Nahost-Konflikt - am ausgeprägtesten.

tagesschau.de: Wie wird "Wikipedia" finanziert?

Kurt Jansson: Das Projekt wird mittlerweile über Spenden finanziert. In den ersten Jahren waren die Kosten noch relativ überschaubar, so dass Gründer Jimmy Wales zunächst für Serverkosten und Bandbreite aufgekommen ist. Inzwischen sind die Zugriffe - und damit auch die Kosten - so gestiegen, dass wir einen Spendenaufruf gestartet haben und allein binnen drei Tagen rund 35.000 Dollar gesammelt haben.

tagesschau.de: Welche Ziele hat das Projekt? Was wollen die Autoren?

Kurt Jannsson: Man muss zunächst im Hinterkopf behalten, dass bei "Wikipedia" niemand die Linie vorgibt. Es gibt allerdings einen Grundkonsens: Wir wollen eine Enzyklopädie von einem neutralen Standpunkt aus erstellen und das Projekt soll frei bleiben. Wir benutzen dazu die GNU-Lizenz, die garantiert, dass das Projekt auch künftig nicht kostenpflichtig werden kann und nicht wirbt.

Wenn man mit den Nutzern diskutiert, bemerkt man aber sehr schnell, dass das Projekt für jeden etwas anderes bedeutet. Für den einen ist es ein Ort, an dem er sich selbst verwirklichen, seinen Neigungen nachgehen kann. Andere verbinden damit eher politische Ziele - als Gegenbewegung für die zunehmende Kommerzialisierung und Einschließung von Wissen. Zum Beispiel beim Thema Verschärfung des Urheberrechts. Wieder andere machen bei uns aus aufklärerischen Motiven mit: Sie verstehen "Wikipedia" als eine Form von Volksbildung, bei der auch Medienkompetenz entwickelt wird: weg von der Konsumentenhaltung.

Für die große Mehrheit ist aber sicher vor allem die Freiheit des Projektes von Bedeutung. Die GNU-Lizenz garantiert, dass das Projekt nicht vom Netz genommen werden kann - wie das mit anderen freiwilligen Projekten geschehen ist. Zudem erlaubt die Wiki-Software es jedem, das gesamte Projekt zu kopieren. Das bedeutet: Die Freiheit des Projekts wird auch über die Software garantiert.

Das Interview führte Jan Oltmanns, tagesschau.de

Stand: 04.08.2005 09:33 Uhr
 

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