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Die SPD schlittert tiefer in die Krise: Nach dem Debakel bei der Europawahl verliert sie laut ARD-DeutschlandTrend auch auf Bundesebene an Rückhalt. In den Abwärtssog gerät nun auch ihr Kanzlerkandidat Steinmeier, der im direkten Vergleich mit Kanzlerin Merkel deutlich zurückfällt.
Von Jörg Schönenborn, WDR
[Bildunterschrift: Union und FDP kommen bei der Sonntagsfrage auf 50 Prozent. ]
Das Tal wird tiefer, aus dem sich die SPD bis zum 27. September herausarbeiten muss. Nach dem miserablen Ergebnis bei der Europawahl am vergangenen Sonntag hat sich nun auch auf der Bundesebene die Stimmung wieder gegen die SPD gedreht. Sie fällt in der Sonntagsfrage auf 25 Prozent zurück, nachdem sie sich Anfang Mai auf 27 Prozent und Mitte Mai sogar auf 28 Prozent hochgearbeitet hatte.
Im Gegenzug steigt die Union auf 36 Prozent (+2 gegenüber dem Vormonat). Zusammen mit den 14 Prozent der FDP (+-0) ist das theoretisch wieder eine Regierungsmehrheit im Bundestag. Während die Partei Die Linke auf 9 Prozent zurückfällt (-1), freuen sich die Grünen über 13 Prozent (+2). Das ist ihr bester Wert im DeutschlandTrend seit November 2004.
Natürlich sind die telefonischen Befragungen am Montag-, Dienstag- und Mittwochabend beeinflusst vom Ergebnis der Europawahl. Dass Wahlgewinner in anschließenden Umfragen zulegen und Verlierer zurückfallen, ist ein Effekt, den wir häufiger beobachtet haben.
Im Falle der SPD gibt es aber neben den Blessuren vom Sonntag ein weiteres Problem: Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier wird von den Wählern weniger geschätzt als andere wichtige Spitzenpolitiker und fällt im direkten Vergleich mit Angela Merkel deutlich zurück. In der sogenannten Direktwahlfrage ("Wen würden Sie wählen, wenn man den Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin direkt wählen könnte?") führt Merkel nun mit 60 zu 27 Prozent. 33 Punkte Vorsprung sind Rekord in diesem Duell. Hinzu kommt, dass Steinmeier mit 27 Prozent den geringsten Wert erzielt, seit er im September vergangenen Jahres zum Kanzlerkandidaten gekürt wurde.
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Dabei unterscheiden die Wähler deutlich zwischen seiner Rolle als Kanzlerkandidat und der als Außenminister. Mit seiner Ministerarbeit sind immerhin noch 63 Prozent zufrieden (-5). Das reicht bei dieser Fragestellung für Rang zwei hinter Kanzlerin Merkel (68 Prozent, -1).
[Bildunterschrift: In der Gunst der Wähler gestiegen: Wirtschaftsminister zu Guttenberg ]
Allerdings folgt nun mit knappem Abstand Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der erneut innerhalb eines Monats zehn Punkte zulegt und den besten Wert erzielt, den ein Wirtschaftsminister je im DeutschlandTrend aufzuweisen hatte. Sein Aufstieg in der Hitliste erfolgte in atemberaubendem Tempo. Am 12. Februar wurde Guttenberg vor dem Bundestag vereidigt. Anfang März lag er mit 32 Prozent Zustimmung auf Rang 7. Zu diesem Zeitpunkt gaben noch 49 Prozent an, ihn gar nicht zu kennen. Drei Monate später ist dieser Wert auf 13 Prozent gesunken.
Für den DeutschlandTrend haben wir die Eigenschaften der fünf derzeit wichtigsten Politiker genauer untersucht. Und meist liegt dabei die Kanzlerin vorn. 80 Prozent der Befragten halten Merkel für "kompetent". Es folgen Finanzminister Peer Steinbrück (71 Prozent), Wirtschaftsminister Guttenberg (68 Prozent), Kanzlerkandidat Steinmeier (65 Prozent) und Oppositionsführer und FDP-Chef Guido Westerwelle (62 Prozent).
Ähnlich das Bild, wenn es um "Glaubwürdigkeit" geht: Merkel (72 Prozent) vor Guttenberg (66), Steinbrück (58), Steinmeier (55) und Westerwelle (48). Beim Thema "Führungsstärke" schließlich rangiert der FDP-Chef fast ganz oben: Hier kommt Merkel auf 70 Prozent vor Westerwelle (69 Prozent), Guttenberg (56), Steinbrück (56) und Steinmeier (45). Es fällt auf, dass in allen abgefragten Kategorien Wirtschaftsminister Guttenberg (teils knapp) vor Frank-Walter Steinmeier liegt, der ihn vor allem in Sachen Staatshilfen in den letzten Wochen immer wieder angegriffen hatte.
Trotz dieses derzeit klaren und für die SPD nicht sehr positiven Meinungsbildes glaubt die Mehrheit der Deutschen nicht, dass die Bundestagswahl bereits als entschieden gelten kann. Nur 38 Prozent stimmen der Aussage zu: "Die Bundestagswahl ist so gut wie entschieden zugunsten einer Koalition von Union und FDP." Eine Mehrheit von 63 Prozent vertritt hingegen diese Ansicht: "Der Ausgang der Europawahl sagt nichts aus über den Ausgang der Bundestagswahl."
[Bildunterschrift: Immer mehr Menschen treffen ihre Wahlentscheidung immer später. ]
Sicher ist derzeit nur eines: Immer mehr Menschen treffen ihre Wahlentscheidung immer später. Bei unserer Wahltagsbefragung in fast 600 Wahllokalen am vergangenen Sonntag bei der Europawahl gaben 23 Prozent der Befragten an, ihre Partei-Entscheidung erst am Wahltag selbst getroffen zu haben. Diese Zahl ist neuer Rekord und zeigt, dass wir uns auch im bevorstehenden Bundestagswahlkampf bis zuletzt auf Verschiebungen zwischen den Parteien einstellen müssen.
Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die zurückliegenden Parteien, vor allem die SPD, Themen finden, die geeignet sind, die eigenen Anhänger zu mobilisieren. Das Thema Staatshilfen, auf das die Sozialdemokraten im Europa-Wahlkampf gesetzt hatten, war dazu erkennbar nicht geeignet.
Bei Opel und erst recht bei Karstadt überwog die Ansicht, dass der Staat nicht mit Finanzhilfen einspringen solle. Im Fall Karstadt waren vergangene Woche noch 90 Prozent der Ansicht, hier sollten zunächst die Eigentümer einspringen.
[Bildunterschrift: Nur ein knappes Drittel der Befragten geht "häufig" in Kaufhäuser. ]
Neue Zahlen aus dem DeutschlandTrend dieser Woche klären auf, wie diese deutlich ablehnende Haltung zustande kommt. So geben überhaupt nur 32 Prozent an, "häufig" in Kaufhäuser einkaufen zu gehen. Zum Vergleich: 88 Prozent gehen häufig in Supermärkte, 40 Prozent häufig zu kleinen Einzelhändlern und 26 Prozent häufig auf den Wochenmarkt. Noch schlechter schneidet das Kaufhaus ab, wenn es um die Frage geht, ob man da auch gern (!) einkauft: 74 Prozent gehen "gern" in Supermärkte, 71 Prozent gern in kleine Einzelhandelsgeschäfte, 54 Prozent gern auf den Markt und nur 51 gern ins Kaufhaus.
Zugespitzt heißt das: Von dem Drittel der Deutschen, das häufiger ins Kaufhaus geht, tut das nur die Hälfte gern. Vielleicht erklären diese Zahlen besser als viele andere Argumente, warum Karstadt in diese Lage geraten ist.
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