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Vor Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker

Streit um NS-Vergangenheit der Klassik-Lieblinge

Heute wird es in Wien wieder das weltgrößte Klassik-Highlight geben: Die Philharmoniker spielen ihr Neujahrskonzert. Es wird in nicht weniger als 81 Länder live übertragen. Doch hinter der Glamour-Fassade knirscht es: Haben die Wiener ihre NS-Vergangenheit nicht richtig aufgearbeitet?

Von Ralf Borchard, ARD-Hörfunkstudio Wien

Wiener-Philharmoniker-Dirigent Franz Welser-Möst
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Alle 20 Sekunden ein Fehlerrisiko: Für Dirigent Welser-Möst ist das Konzert Schwerstarbeit.

Mit der Josef-Strauß-Polka "Die Soubrette" wird das berühmteste Klassik-Konzert der Welt diesmal eröffnet, live übertragen in 81 Länder. Das ist Rekord, wie der Vorstand der Wiener Philharmoniker Clemens Hellsberg betont, es sind wieder neue Länder dazu gekommen: zum Beispiel Bhutan, Kuba, Dominikanische Republik, Marschall-Inseln, Mikronesien, Panama, Tonga.

Dirigiert wird das Neujahrskonzert zum zweiten Mal von Franz Welser-Möst, dem Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper. Ein Heimspiel also, aber alles andere als leicht, sagt Welser-Möst: "Zu mir haben schon vor zwei Jahren die Leute gesagt: 'Naja, das ist ja eh leicht, die Philharmoniker spielen das eh von allein, wozu probt ihr überhaupt.'" Er habe aber ausgerechnet, dass es in dem Konzert ungefähr 200 verschiedene Melodien gebe und ungefähr die selbe Anzahl an Tempi oder Tempo-Übergängen. Das heiße: Es gebe ungefähr alle 20 Sekunden die Möglichkeit, dass irgendwas schief geht, sagt der Dirigent.

Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker - diesmal mit Vergangenheitsdebatte
R. Borchard, ARD Wien
31.12.2012 10:28 Uhr

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NS-Vergangenheit nicht aufgearbeitet?

Im Vorfeld des Neujahrskonzerts müssen sich die Wiener Philharmoniker gegen Vorwürfe wehren, ihre Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus nicht ausreichend aufgearbeitet zu haben. Der österreichische Grünen-Abgeordnete Harald Walser griff in einem ORF-Interview den Vorstand der Philharmoniker persönlich an: "Clemens Hellsberg verhindert seit Jahren eine kritische Aufarbeitung der Geschichte der Philharmoniker, reagiert nur auf Druck und gibt sein Archiv immer nur zum Teil frei."

Als Beispiel nennt Walser den Ehrenring, den die Philharmoniker 1942 Baldur von Schirach, dem damaligen Gauleiter von Wien verliehen hatten. Schirach wurde als Kriegsverbrecher verurteilt, nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis Berlin-Spandau soll ihm 1966 ein Emissär der Wiener Philharmoniker ein Duplikat des Ehrenrings überbracht haben. Das seien unerträgliche Vorfälle, meint Walser. Die Philharmoniker müssten angesichts ihrer Geschichte endlich klar Schiff machen.

Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker
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Das Neujahrskonzert wird dieses Jahr in 81 Länder übertragen. Am Ende wird es wohl viel Applaus geben - wie immer.

Empörung über Vorwürfe

Philharmoniker-Vorstand Hellsberg reagiert empört. Er habe im Archiv gesucht und zum Thema Ehrenring-Duplikat nichts gefunden, es könne sich nur um eine Einzelaktion handeln, "die in keiner Weise für die Wiener Philharmoniker steht". Hellsberg ist auch deshalb empört, weil er 1992 selbst ein Buch zur Geschichte der Wiener Philharmoniker veröffentlicht hat und in diesem Jahr für seine kritische Haltung, wie er sagt, von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien ausgezeichnet wurde.

Bei der Programm-Präsentation des Neujahrskonzerts versuchten Hellsberg und Welser-Möst, schnell wieder auf Musikalisches zu kommen. Etwa darauf, dass es diesmal nicht nur den gewohnten Reigen der Komponisten-Familie Strauß zu hören gibt, sondern auch Wagner und Verdi, zum jeweils 200. Geburtstag. Am Ende hoffen Orchester und Dirigent jedenfalls auf den gewohnten stürmischen Applaus.

Dieser Beitrag lief am 30. Dezember 2012 um 17:31 Uhr im Deutschlandfunk.

Stand: 01.01.2013 00:17 Uhr

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