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31.07.2010

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Ausland
Tschechien: Spezialeinheit als Stromgebühreintreiber
Tschechischer Stromkonzern CEZ

Bewaffnete Einheiten als Stromgebühren-Eintreiber

Der halbstaatliche Stromkonzern CEZ ist das mächtigste Unternehmen Tschechiens. Das lässt er seine Kunden spüren. Wer die Rechnung nicht zahlt, den besucht ein Sonderkommando. Dessen Mitglieder absolvieren Schießübungen und führen Gefangene ab, zeigt ein Trainingsvideo.

Von Christina Janssen, ARD-Hörfunkstudio Prag 

Standbild aus Ausbildungsvideo Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Übungen einer Spezialeinheit des tschechischen Energiekonzerns CEZ ]
Die Videoaufnahmen, die den tschechischen Medien vergangene Woche zugespielt wurden, zeigen einen Trupp Männer auf einem Schießplatz. "Los, zieh, kämpfe, schieß’, mach’ schon", schreit ihr Trainer. Später seilen sich die Bewaffneten an einer Staumauer ab, kämpfen mit dem Schlagstock, führen Gefangene ab, gefesselt, in Unterhosen, mit schwarzen Säcken über den Köpfen. Was aussieht wie ein Trainingscamp von Al Kaida, ist in Wirklichkeit eine Spezialeinheit des tschechischen Energiekonzerns CEZ. Ihre Aufgabe: Säumige Zahler und angebliche Stromdiebe zur Raison zu bringen.

Paramilitärs treiben Stromgeld ein

"Im Juni 2006 haben mich Mitarbeiter von CEZ bei der Arbeit angerufen", berichtet Strom-Kunde Pavel Skrans. "Ich sollte sofort nach Hause kommen. Eine halbe Stunde später war ich da, und die CEZ-Leute waren schon im Keller am Stromzähler. Es waren acht bewaffnete Männer in schwarzen Sicherheitswesten. Sie haben mich bedroht und behauptet, dass eine der Plomben am Stromzähler fehlt. Dann haben sie den Strom abgeschaltet und gesagt, das sei Diebstahl."

Gewaltbereite Stromdiebe, in Gangs organisiert?

Ein Unternehmen, das sich eine paramilitärische Einheit leistet, um Geld einzutreiben, anstatt das der Polizei und Gerichten zu überlassen - Martin Roman, der Generaldirektor von CEZ, hat dafür eine einfache Erklärung: "Strom wird hierzulande in großem Stil gestohlen. Die Stromdiebe sind in bewaffneten Gangs organisiert, die vor nichts zurückschrecken und äußerst gewaltbereit sind."

Stromkasten Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Wegen einer angeblich fehlenden Plombe am Stromzähler wurde ein Kunde bedroht. ]
Nach eigenen Angaben entstehen der CEZ, einem der größten Energieversorger Europas, jährlich Millionenschäden durch Stromdiebe. In Tschechien hat der halbstaatliche Konzern quasi eine Monopolstellung inne. Die Verflechtung von Politik und Geschäftsinteressen des Stromriesen ist ein Dauerthema.

Bedrohung und Erpressung zu nächtlichen Terminen

Dieser Skandal, meint Opferanwalt Jan Rytir, gehe endgültig zu weit: "Seit 2007 habe ich etwa 160 Opfer vertreten, die von dem CEZ-Sicherheitstrupp bedroht oder sogar erpresst wurden. Sie haben die Kunden dazu gezwungen, zu nächtlichen Terminen in der Zentrale in Gablonz zu erscheinen. Dort wurden sie massivem psychologischem Druck ausgesetzt.

Dies wiederfuhr auch Stromkunde Skranc, dessen Geschichte nicht damit endete, dass er plötzlich im Dunkeln saß: "Später musste ich in der Zentrale den Chef des Trupps treffen, um Mitternacht in seinem Büro. Es waren zwei Leute in Uniform. Sie haben mich gefragt, wie viel Geld ich bei mir habe und sie forderten mindestens drei Millionen Kronen von mir, also mehr als 100.000 Euro. Sonst müsste ich ins Gefängnis."

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Entsetzen über Selbstmord bei CEZ-Razzia

Das Spezialkommando, das vor fünf Jahren gegründet wurde, trägt das Kürzel NTZ. Das steht für "Abteilung Nicht-Technische Verluste". Entsetzen und viele offene Fragen hat der Fall eines älteren Mannes ausgelöst, der sich während einer CEZ-Razzia das Leben nahm. Auch dieser Vorfall wurde auf Video festgehalten.

Die Besorgnis in den Reihen der Regierung hält sich trotz allem in Grenzen. Premier Jan Fischer hat zwar sofortige Aufklärung gefordert. Doch sein Innenminister Martin Pecina wiegelt ab: "Irgendwer muss nun einmal gegen diese notorischen Schuldner vorgehen. Die Frage ist, ob dies der Energiekonzern sein sollte oder eher der Staat. Aber wir sind hier nicht in der Ukraine, wo sich einfach jeder an das Stromnetz anschließt, ohne dafür zu zahlen. Das können wir nicht zulassen."

Die Polizei ermittelt

Auch die Videos, so der Minister, seien bis zum Erweis des Gegenteils eine völlig harmlose Sache. "Was wir auf diesen Videos gesehen haben, ist eine Gruppe von Männern beim 'Teambuilding'. Auf den Schießplatz kann doch jeder gehen. Daran ist nichts Besonderes. Sollte sich aber herausstellen, dass diese Männer bewaffnet zu den Kunden ins Haus gegangen sind, dann ist das etwas ganz anderes." Inzwischen ermittelt die Polizei in der Sache. Der zuständige Minister soll sich diese Woche im Parlament erklären.

Stand: 08.02.2010 05:29 Uhr
 

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