Seitenueberschrift
Viele Autos und Kohlekraftwerke
Pekinger Smog sorgt für wachsenden Unmut
Während in Durban um einen Klima-Kompromiss gerungen wird, bleibt den Menschen in Peking immer häufiger die Luft weg. Fünf Millionen Fahrzeuge und unzählige Kohlekraftwerke stoßen nicht nur Unmengen von Treibhausgasen aus, sondern belasten die Luft auch mit riesigen Mengen Feinstaub.
Von Ruth Kirchner, ARD-Hörfunkstudio Peking
Seit Tagen hängt der Smog dicht und grau über Peking. Während auf der dritten Ringstraße, einer der sechsspurigen Stadtautobahnen, die Fahrzeuge jeden Morgen Stoßstange an Stoßstange stehen, sind im grauen Dunst die Hochhausfassaden kaum noch auszumachen. Die Sonne ist ein schmutzig-gelber Fleck irgendwo am Himmel.
"Man kann gar nicht mehr richtig atmen", sagt ein junger Mann. "Die Luft ist furchtbar. Wenn wir die Sonne nicht sehen können und diese Luft die ganze Zeit einatmen – das kann doch für die Gesundheit nicht gut sein."
Pekinger Smog sorgt für wachsenden Unmut
R. Kirchner, ARD Peking
07.12.2011 04:51 Uhr
Unterschiedliche Messdaten
Pekings Stadtväter sehen das anders. Laut offizieller Statistik ist die Luft nur leicht verschmutzt. Die unabhängige Messstation der US-Botschaft in Peking hingegen stuft die Luft seit Tagen als "sehr ungesund" oder sogar als "gefährlich" ein. Dass man zu so unterschiedlichen Bewertungen kommt, liegt an den Bemessungsgrundlagen. Die US-Amerikaner messen auch die besonders gefährlichen winzigen Feinstaubpartikel, die in der chinesischen Statistik gar nicht erst auftauchen.
Dabei habe auch Peking längst die dafür notwendige Technologie, kritisiert Sun Qingwei von Greenpeace China. Es mangele am politischen Willen: "Ich denke, wenn sie die Daten veröffentlichten, dann würde die Gesamtzahl der sogenannten Blaue Himmel Tage sinken. Und das wiederum würde ihre politische Erfolgsbilanz deutlich verschlechtern."
Immer mehr Tage des "blauen Himmels"
Peking rühmt sich damit, dass die Zahl der Tage mit blauem Himmel seit Jahren stetig steige und die Luft immer besser werde. Schließlich hat man die Abgasnormen für Autos verschärft und einige Fabriken, darunter berüchtigte Dreckschleudern, umgesiedelt. Doch gleichzeitig ist die Zahl der Autos auf Pekings Straßen auf knapp fünf Millionen hochgeschnellt. Und die Kohlekraftwerke in der Umgebung müssen für die Mega-Metropole immer mehr Strom produzieren. Die bisherigen Maßnahmen reichen daher längst nicht aus, monieren viele Pekinger
"Die Zahl der Autos muss beschränkt werden", sagt eine junge Frau. Auch dürfe es innerhalb der Stadt keine großen Heizkraftwerke oder Fabriken mehr geben. "Zu viele Autos", pflichtet eine andere Frau bei. "Während der Olympischen Spiele hat man deutlich mehr für die Umwelt getan."
Behörden blocken
Was die Leute vor allem verärgert ist, dass die Stadt ihnen Informationen über das wahre Ausmaß der Luftverschmutzung vorenthält. "Warum können sie nicht die Wahrheit sagen?", fragen empörte Internetnutzer. Ärzte berichten über eine deutlich steigende Zahl von Patienten mit Atemwegsbeschwerden. Anfang der Woche wurden wegen des Smogs auf Pekings Internationalem Flughafen hunderte von Flügen gestrichen. Offiziell hieß es, wegen dichten Nebels.
Selbst die staatlich kontrollierten Medien haben kein Verständnis mehr für die Haltung der Behörden und fordern mehr Transparenz. Doch das Umweltministerium will erst ab 2016 anfangen, genauere Daten zugänglich zu machen. Viel zu spät, kritisiert Feng Yongfeng von der Umweltgruppe Dar’wen: "Wenn das Ministerium nicht mitzieht, können ja Städte wie Peking selbst die Daten veröffentlichen. Man muss ja nicht auf das Ministerium warten."
Doch die Pekinger Behörden schalten auf stur und schotten sich weiter ab. Wochenlang hatte das ARD-Hörfunkstudio Peking um ein Interview mit einem Vertreter der Umweltbehörde gebeten. Bis heute gab es - trotz unzähliger Nachfragen – keine Antwort.
Stand: 07.12.2011 04:59 Uhr
