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Unabhängiger Bericht über Massaker in Usbekistan
Bericht über Massaker in Usbekistan

"Kugeln fielen wie Regen"

Von Isabella Kolar, ARD-Hörfunkstudio Moskau

"Kugeln fielen wie Regen" - so lautet der Titel der ersten unabhängigen Untersuchung der Ereignisse im usbekischen Andischan im vergangenen Monat. Der geschäftsführende Direktor der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, Ken Roth, stellte in Moskau die Ergebnisse der Undercover-Befragung von etwa 50 Augenzeugen und Opfern vor. Danach sind die Hauptschlussfolgerungen von Human Rights Watch: Angesichts der Zahl der Toten und dem vorsätzlichen "Abschlachten" kann nur von einem Massaker gesprochen werden. Die Gewalt, die durch die Regierungstruppen in Andischan am 13. Mai angewandt wurde, stand in keinem Verhältnis zu der Bedrohung durch die bewaffneten Männer, die sich in der großen Menge der Demonstranten befanden. Zweitens sei die Erklärung, die die usbekische Regierung für die Ereignisse vom 13. Mai anbietet, komplett falsch. Sie behauptet, dass "nur" 170 Menschen starben, tatsächlich seien Hunderte ermordet worden.

Unruhen in Usbekistan Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Hunderte Tote in Andischan. Das Militär hatte wahllos in die Menge gefeuert. ]

Entzündet hatte sich der Konflikt, als etwa 50 bis 100 Freunde und Verwandte von 23 einsitzenden Geschäftsleute diese aus dem Gefängnis von Andischan gewaltsam befreiten. Sie waren angeblich wegen ihrer religiös-fundamentalistischen Einstellung inhaftiert. Laut Human Rights Watch war aber ihre regimekritische Einstellung der wahre Grund. Einen Tag nach der Befreiungsaktion versammelten sich dann etwa 10.000 Personen im Zentrum Andischans, der größte Teil unbewaffnet, auch Frauen und Kinder. Es gab kein Bemühen um eine friedliche Lösung von Seiten der Regierungstruppen, es wurde geschossen - ohne Vorwarnung: "Kurz nach 17 Uhr begannen Militärfahrzeuge in die Menge zu schießen. Von den etwa 300 Menschen, die ganz vorne standen überlebten nur eine Handvoll. Als alle tot zu sein schienen, gingen die Truppen noch einmal durch die Liegenden und erschossen die, die überlebt hatten", heißt es dazu in dem Bericht von Human Rights Watch.

Die Zahl der Opfer ist weiter unbekannt

Ein Augenzeuge schilderte die Geschehnisse an dem betreffenden Tag in einem russischen Radiosender: "Im Zentrum von Andischan hat ein Kampf begonnen. Das Militär eröffnete das Feuer auf die Menschen, die das Regierungsgebäude besetzt hatten. Es brannten Autos. Die Menge von etwa 15.000 bis 20.000 Menschen versuchte vor den Schüssen davonzulaufen. Sie schrieen: 'Weg! Weg'. Eine Freundin sagte, dass genau vor ihren Augen auf Männer und Jugendliche geschossen worden sei. Es gab Tote und Verletzte."

Demonstrierende Menschenmenge in Andischan (Foto: AP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Demonstrierende Menschenmenge in Andischan ]
Wie viele - das weiß bis heute niemand, auch Ken Roth wollte keine Zahlen nennen. Die usbekische Regierung durchsuchte nach der Aktion sofort jedes Haus in Andischan nach möglichen Augenzeugen von außerhalb. Den Bewohnern wurde verboten, mit Journalisten zu sprechen. Die Leichen wurden entfernt, nur einige wenige wurden liegengelassen, das Blut weggewaschen. Von islamischem Fundamentalismus, den man laut dem usbekischen Präsidenten Karimov habe bekämpfen müssen, will Ken Roth von Human Rights Watch nichts wissen. Die Motive der Menschen seien ganz andere gewesen: "Die Regierung behauptet, dass die Demonstranten kamen, um die Regierung zu stürzen und einen islamischen Staat zu errichten. Dabei hatten die Klagen der Menschen in Wirklichkeit aber gar nichts mit dem Islam zu tun, wenn man nach den Reden geht, die an die Menge gehalten wurden." Laut Human Rights Watch demonstrierten die Menschen gegen Repressionen, gegen Missmanagement, Korruption und Arbeitslosigkeit.

Der usbekische Präsident Islam Karimow (Foto: AP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Der usbekische Präsident Islam Karimow ]
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Forderungen ans Ausland - Sorge um die Zeugen

Die Schlussfolgerung von Human Rights Watch nach diesem Bericht: Die Ereignisse in Andischan müssen von einer internationalen Kommission untersucht werden, die Zugang zu allen Dokumenten bekommt. Die US-Regierung müsse ihre Verhandlungen über einen ständigen amerikanischen Stützpunkt in Usbekistan stoppen, die EU ihr Partnerschaftsabkommen mit Usbekistan aussetzen und die russische Regierung müsse Druck auf Präsident Islam Karimov ausüben. Ken Roth fügte nach seinem Bericht in Moskau hinzu, Human Rights Watch hoffe, dass es den 50 Augenzeugen auch jetzt noch gut gehe - obwohl sie Auskunft gegeben haben.

Stand: 07.06.2005 21:26 Uhr
 

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