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Zwei Jahre nach Ben-Ali-Sturz in Tunesien
"Was hat uns die Revolution denn gebracht?"
Nach wochenlangen Protesten in Tunesien gab Präsident Ben Ali am 14. Januar 2011 auf. Viele Menschen setzten große Hoffnungen in den Neuanfang. Doch auch zwei Jahre später steht das Land vor enormen politischen und wirtschaftlichen Problemen. Die Unzufriedenheit wächst.
Von Alexander Göbel, ARD-Hörfunkstudio Rabat
Siliana, im Süden von Tunesien: Was eine politische Diskussion sein sollte, wird zur Farce. Rund einhundert Menschen haben vier Parlamentarier regelrecht an die Wand gedrängt und reden aufgeregt auf sie ein. Die Bürger von Siliana wollen ihrem Ärger Luft machen, über ihre Sorgen und Nöte reden - am besten alle gleichzeitig und möglichst lautstark.
Eigentlich waren die Abgeordneten von Opposition und Regierung gekommen, um über die Verfassung Tunesiens zu sprechen. Doch auch zwei Jahre nach der Revolution gibt es dringendere, handfestere Probleme als Tunesiens neues Grundgesetz - gerade in Siliana, wo es im November schon einmal zu schweren Ausschreitungen gekommen war.
Hohe Arbeitslosigkeit
Fatma arbeitet auf dem Wochenmarkt, ihr Monatslohn liegt bei umgerechnet 60 Euro. Vor ein paar Tagen ist sie mit rund 30 anderen Frauen zusammen in den Hungerstreik getreten, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Bisher vergeblich: "Der Zustand hier ist fürchterlich. Hier entwickelt sich gar nichts, was hat uns die Revolution denn gebracht?", fragt sie. "Im November kamen sie mit Schrotflinten und Tränengas und sind in die Häuser eingdrungen. Warum haben sie kein Geld mitgebracht, um den Leuten Arbeit zu geben?"
Unzufriedenheit nach Jasmin-Revolution in Tunesien wächst
A. Göbel, ARD Rabat
14.01.2013 07:06 Uhr
Die tunesische Wirtschaft leidet stark unter den Folgen der Revolution. Ausländische Investoren bleiben weg, die Situation ist ihnen nicht stabil genug, die Arbeitslosigkeit steigt. Sie liegt nach offiziellen Zahlen bei 17 Prozent unter Hochschulabgängern sogar bei rund 40 Prozent. Vor allem im Landesinneren, in der Wiege der Revolution, hat sich in den vergangenen zwei Jahren wenig getan. Der Frust der Bevölkerung sitzt tief.
"Wir müssen klein anfangen"
Viele Menschen hatten nach der Revolution gehofft, dass alles besser werden würde - und zwar schnell. Auch Amor ist seit Jahren arbeitslos, doch der Mittfünfziger ruft zur Geduld auf. "Die großen Projekte, die kommen nicht sofort", sagt er. "Wir müssen klein anfangen, und dann kommen irgendwann auch größere Projekte, wenn Gott will. Und wenn die Verwaltung und die Politiker sauber bleiben - also wenn die Korruption endlich ein Ende hat!"
Doch nicht nur auf dem Land ist die Lage angespannt, auch in der Hauptstadt Tunis liegen bei vielen Menschen die Nerven blank - nicht nur, weil es immer wieder zu Übergriffen durch radikale Salafisten kommt. Mehr als ein Jahr ist es her, dass die ersten freien Wahlen des Landes stattfanden. Doch das erste demokratisch gewählte Parlament, dessen Hauptaufgabe es ist, die neue Verfassung zu schreiben, kommt nur sehr langsam voran. Zwei Jahre nach dem Umsturz ist noch kein einziger Artikel der neuen Verfassung verabschiedet. Beobachter rechnen damit, dass die längst fälligen Neuwahlen wohl erst im Jahr 2014 stattfinden.
"Probleme werden nicht wie durch ein Wunder gelöst"
Präsident Moncef Marzouki, der normalerweise nicht an kritischen Worten gegenüber der eigenen Regierung spart, nimmt die Politiker in einem Interview mit France24 in Schutz - ausnahmsweise, zum Jahrestag der Revolution:"Was zur Zeit in Tunesien passiert, ist Teil des normalen politischen Lebens", erklärt er. "Wer das nicht versteht und erwartet, dass die Probleme wie durch ein Wunder gelöst werden, der muss woanders hingehen. So einen Ort gibt es auf dieser Welt nicht."
Trotz massiver politischer und wirtschaftlicher Probleme - eines haben die Tunesier mit der Revolution wenigstens gewonnen: die Freiheit, ihrem Ärger Luft zu machen, über Politik zu diskutieren und für ihr Anliegen auf die Straße zu gehen. Und das werden die Tunesier auch in diesen Tagen wieder tun - zwei Jahre nach der Flucht des Ex-Präsidenten, zwei Jahre nach der historischen Jasmin-Revolution.
Stand: 14.01.2013 04:08 Uhr
